Interview mit Boris Blank von Yello

Yello, das sind Boris Blank und Dieter Meier. Die größten Hits "Oh Yeah" oder "The Race" sind zwar schon eine Weile her, an Qualität haben die stets anhaltenden Veröffentlichungen aber nie eingebüßt. Ihr neues Album Point steht unter anderem exemplarisch für einen weiteren Stichpunkt einer großartigen Reihe. Und das zum ersten Mal in Dolby Atmos. Boris Blank, der Mann hinter der Musik von Yello, hat sich für uns die Zeit genommen ein Interview zu geben.

Yello gibt es schon seit ĂĽber 40 Jahren. Andere Bands, die es nach so langer Zeit noch gibt, gehen vielleicht alle paar Jahre noch auf Tour, neue Musik wird aber nur selten veröffentlicht. Point dahingegen ist Euer 14. Album und die längste Pause zwischen zwei Alben betrug „nur“ sieben Jahre (Touch Yello, 2009; Toy, 2016). Woher nehmt ihr diese Schaffenskraft? Was treibt Yello an?

Als musikalische Treibkraft von Yello ist für mich das Musikmachen wie die Nahrung für den Stoffwechsel, der mich am Leben erhält. Ich brauche die Musik tatsächlich zum Überleben. Es geht kein Tag vorbei, an dem mich nicht irgendein Geräusch inspiriert, etwas daraus zu machen. Es gibt sehr viele verschiedene Frequenzen, die in der Musikwelt vorkommen, all diese Bassfrequenzen, diese Schlagwerkinstrumente, die können ersetzt werden durch jedwelche Geräusche, die uns jeden Tag umgeben. Mit denen kann man Musik machen, und das ist meine Welt. Und auch der akustische Raum hat mich schon von Anfang an fasziniert. Das war schon so als Kind in den Bergen. Man spielte mit den Echos von den Felswänden, wo man rein geschrien hat. Je nach Distanz waren die Echos kürzer oder länger. Raumklänge sind tatsächlich etwas Faszinierendes. Noch heute begeistern mich Tiefgaragen, wenn man darin klatscht – dann hört man die Weite, die dann zurückkommt. Und damit in der Musik spielen zu können, ist fantastisch. Dieter sagt über mich: “Boris wird noch die Sargnägel samplen, die eingeschlagen werden.“ Das heißt, ich bin nie zu alt, um musizieren zu können. Die Musik ist meine Welt, mein Atem sozusagen.
Cover_Yello_Point

„Boris wird noch die Sargnagel samplen, die eingeschlagen werden“

Das heißt du läufst immer um und sampelst irgendwas?

Eigentlich nicht so oft wie vor 40 Jahren, aber natürlich habe ich immer mein iPhone dabei und wenn ich irgendwo etwas Spannendes höre, dann nehme ich das auf. Ich stelle schon seit Jahren eine Sound-Library zusammen. Schon damals habe ich Schneebälle an Wände geschmissen und das in Stereo aufgenommen und dann irgendeinen Bass-Sound daraus gemacht. Das sind sehr viele Sounds, die ich gesammelt habe über die Jahre und die stehen mir immer zur Verfügung. Und die werden auch immer wieder neu aufgearbeitet mit den neuesten Technologien. So verunstalte ich diese Sounds immer wieder aufs Neue, sodass man die ihrem Ursprung nicht mehr erkennt.
So entstehen immer wieder neue Welten aus den alten Welten. Man kann mit den neuesten Technologien ja fast in die molekulare Struktur eines Sounds eintauchen um da Gott zu spielen und alles zu manipulieren. Das gehört zu meinem Forschungsdrang.

Und Dieter kommt dann erst dazu wenn musikalisch alles steht?

Das hat sich über die Jahre bewährt zumal Dieter ja auch viele andere Geschichten und Geschäfte am Laufen hat. So ist das auch für ihn eine ideale Situation. Der Mönch unten in seinem Studio schafft in Klausur abgeschieden von der Außenwelt die Musik. Dieter kommt dazu wenn das Soundgebäude steht und schreitet hindurch wie der Protagonist in einem Film. Er ist immer fasziniert und sehr schnell in der Szene. Er ist wie ein Chamäleon – in jedem Stück findet er eine neue Rolle.

Kommt er zu dir zum Schreiben oder schreibt er woanders?

Das Studio ist ja im Wohnhaus wo seine Familie lebt und wenn Dieter da ist, und nicht in Argentinien oder sonst wo, dann kommt er natürlich auch runter, um zu sehen, was ich da mache. Und wenn er die Treppe herunter zum Studio kommt, pfeift er ganz laut, dass ich mich nicht erschrecke während meiner Arbeit.

„Ich kann keine Noten lesen, ich hab keine Harmonielehre gelernt oder Ă„hnliches. Ich glaube es ist die Art wie ich mit kindlicher Freude an die Sachen herangehe.“

Liegt in dieser besonderen Art der Arbeit auch der Grund für den einzigartigen Yello-Sound? Die zuvor veröffentlichte Single Waba Duba klingt vor allem wegen des Saxophon-Sounds wie eine Hommage an Euren großen Hit The Race. Auf ganzer Albumlänge klingt Point dann ebenfalls genau wie Yello immer geklungen hat – und das im besten Sinne: funky, schräg und gleichzeitig von vorgestern und übermorgen. Yello hat seit jeher hohen Wiedererkennungswert und klingt doch immer noch einzigartig. Wie kommt es das niemand versucht hat Euren Sound zu kopieren?

Es war nie die Absicht, mit unserer Herangehensweise ein bestimmtes Konzept zu lancieren. Das ist einfach unsere musikalische DNA, wenn man so will.
Ich war neulich eingeladen zu einem Podcast-Gespräch was über künstliche Intelligenz ging (Podcast Supernova). Die haben mir zum Auftakt ein Stück vorgespielt und haben mich gefragt was ich da höre. Das war ein kunterbuntes Etwas, was man in eine Waschmaschine wirft und man hört nichts woran man sich halten kann. Das hatte keine Statik, keine Erdung. Mir wurde erklärt, dass das verschiedene Yello-Songs sind, die in ein Computer-Programm gespeist wurden um zu sehen was das Programm daraus macht. Da haben also selbst Computer Schwierigkeiten damit. Wenn man da Debussy oder Chopin einwirft, kommt da irgendetwas Ähnliches dabei raus, aber bei unseren Stücken ist das tatsächlich schwierig. Da war eine komplexe, unhörbare Kakophonie herausgekommen.
Möglicherweise spielt bei diesem typischen Yello-Sound mein Unwissen über Musik eine Rolle. Ich kann keine Noten lesen, ich hab keine Harmonielehre gelernt oder Ähnliches. Ich glaube es ist die Art wie ich mit kindlicher Freude an die Sachen herangehe. Ich arbeite ja wie vorhin schon gesagt mit Sounds aus der Welt, die ich gefunden habe und gut finde. Wie ein Eichhörnchen, das Nüsse vergräbt, habe ich überall Ordner mit Versatzstücken, die ich mal  vorproduziert habe. Die setze ich zusammen wie ein Puzzle. Und am Schluss bin ich selber erstaunt, was dabei herauskommt. Irgendwann entsteht da ein Umriss von etwas und da denke ich: „Ja, da muss es lang gehen.“ Und am Schluss bin ich selber erstaunt, was dabei herauskommt.
Möglicherweise ist diese Art zu arbeiten ein Teil davon, der diesen Wiedererkennungswert ausmacht.
Das ist ja auch ein Kompliment – selbst große Künstler wie Mozart erkennt man nach drei, vier Takten.

„Humor ist wichtig, um anständig ĂĽberleben zu können“

Die Texte von Yello waren seit jeher oft surreal und dadaistisch. Aber auch der Sound irgendwo zwischen waberndem Elektro und knarzendem Funk wirkt zu Teilen absurd, wenn auch immer organisch und nie unnatürlich. In der Kombination ist Eure Musik nicht nur eingängig, sondern man muss auch schmunzeln wenn man sie hört. Ist Humor der Schlüssel des Erfolgs von Yello? Das ist ja schon etwas was Ihr vielleicht anders macht, als man es sonst von elektronischer Musik kennt.

Ich glaube, dass für mich und Dieter der Humor ein sehr wichtiger Bestandteil ist. Humor ist wichtig, um anständig überleben zu können und um diese Welt mit einer gewissen Ironie anzuschauen und über sich selber zu lachen. Und wir beide lachen sehr viel und wir sind glücklich dabei. Ich glaube schon, dass das ein wichtiger Punkt ist, dass man sich nicht allzu ernst nimmt und man auch mal versagen kann. Auch, dass man nicht immer on top ist und alles erklären kann. Humor ist wie der Schwimmgürtel in der Strömung des Lebens.

Wie kam es zu dem Albumtitel Point? Setzt der Titel den Punkt eines langen Satzes oder ist er ein weiterer Stichpunkt Eurer beeindruckenden Karriere? Gibt es da einen besonderen Hintergrund?

Eigentlich nicht. Einen Titel zu finden gehört für uns beide zu den schwierigsten Momenten. So teilen wir uns diese Aufgabe.
Dieter war in Buenos Aires und hat mich angerufen und sagte: „Boris, wie findest du als Albumtitel Point?“ Ich war spontan fasziniert. Das kann man ja verschiedenst interpretieren. FĂĽr mich ist es „the point of no return“, also zurĂĽck können wir nicht mehr. Ich hoffe nicht, dass das der Endpunkt oder der Schlusspunkt sein wird, aber das sind natĂĽrlich die ersten Fragen, die da aufkommen. Das kann man aber interpretieren, wie man will. Das kann Schnittpunkt, Mittelpunkt etc. sein – es gibt so viele mögliche Varianten von Kombinationen, was mit „Punkt“ zusammenhängt.

„Ich war sprachlos, Gänsehaut am ganzen Körper – ein Erlebnis, das bleibt.
FĂĽr mich ist Dolby Atmos vergleichbar wie die Umstellung von Mono auf Stereo.“

Point ist das erste Yello-Album was in Dolby Atmos veröffentlicht wird. Wie und wann seid ihr auf Dolby Atmos aufmerksam geworden? Was bedeutet dieser immersive Sound für Yello als Band und für Musik allgemein?

Das war letztes Jahr im Februar. Da waren wir bei Universal und haben unsere Ideen eingebracht. Ein ganzer Tisch voller Leute saß da und dann hat Philippe König von der Katalogabteilung vorgeschlagen, dass Dolby Atmos doch interessant für uns wäre. Ich hatte damals noch keine Berührung mit 3D-Mischungen, war jedoch sehr angetan von der Idee.
Wochen danach wurde mir in der Zürcher Hochschule der Künste, in einem Dolby Atmos zertifizierten Kinosaal viele Beispiele von verschiedenen Interpreten in Dolby Atmos vorgespielt. Das war total überwältigend, und somit auch der initiale Funke, Yellos „Point“ vom Meister der Dolby Atmos-Klangwelt, von Stefan Bock von den MSM Studios in München, mischen zu lassen.
Stefan hatte mein volles Vertrauen, da ich noch keine Ahnung von 3D-Soundmischung hatte. Wochen später fand dann die Abnahme der Musik im selben Saal in Zürich statt.
Ich war sprachlos, Gänsehaut am ganzen Körper – ein Erlebnis, das bleibt.
FĂĽr mich ist Dolby Atmos vergleichbar wie damals die Umstellung von Mono auf Stereo in den 60er Jahren.

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